Ein zentraler Punkt in meiner Arbeit ist die Beschäftigung mit der Falte, dem Verhältnis von Material und Wert, der Psychologie glänzender Dinge und der 'Agency' materieller Welten. Die “material agency” geht davon aus, dass nicht nur menschliche Zuschreibungen, sondern auch Qualitäten der Dinge selbst eine Form von Wirksamkeit entfalten können.Materielle Dinge “wirken” nicht von außen, sondern durch ihre eigene Vielschichtigkeit, die sich in Begegnungen und Interaktionen aktualisiert.
Viele meiner Werkgruppen werden durch das dynamische Konzept der Falte verbunden. Hier interessiert mich Gilles Deleuze Sicht auf die Falte, der in Auseinandersetzung mit Leibniz’ Monadologie die Falte als kleinste Einheit der materiellen Welt versteht. Die Falte kann so als dynamischer Möglichkeitsraum betrachtet werden, auf dem bereits alle Potenzialitäten angelegt sind, welche durch verschiedene Mechanismen freigelegt, verborgen oder neu verknüpft werden.
Das Konzept und die Qualität der Falte, lässt sich auf verschiedenste Bereiche übertragen. Ebenso kann man eine kulturhistorische Ideengeschichte als Faltenwurf sehen, den jede Generation neu modelliert, daran unterschiedliche Aspekte hervorhebt, neue Aspekte verknüpft und diese so aktualisiert. Hierdurch können neue Perspektiven -jedoch nur eine weitere mögliche Version der Realität- hervorgebracht werden, da sie zeitgleich unendlich viele weitere Möglichkeiten einschließt.
Pia Treiber
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Anne-Sophie Treiber, Kunsthistorikerin, Mannheim (DE)
Für Pia Treiber ist Kunst nie ohne Wirkung. Sie versteht ihre Arbeiten als aktive Akteurinnen im Raum. Was zunächst wie eine Referenz zur klassischen Malerei beginnt – Acryl auf Leinwand, gespannt auf Keilrahmen – wird bei ihr zum Ausgangspunkt einer forschenden Praxis, die Oberfläche, Falte und Material ins Zentrum rückt.
Am Anfang steht bei Treiber oft eine Vorstellung von Präsenz, eine Idee davon, welche Wirkung ein Werk im Raum entfalten soll, noch bevor Form oder Material feststehen. Von dieser Vorstellung aus tastet sie sich an ihre Arbeiten heran, sucht nach der physischen Qualität, die dieser Wirkung entspricht. Jedes Material, jede Farbe trägt dabei seine eigene Sprache. Aus dieser Idee von Präsenz entwickelt sich ein offener Prozess, in dem die Künstlerin untersucht, wie sich Stoffe verhalten, reagieren, sich widersetzen oder nachgeben. Oft geht einer Arbeit eine Phase intensiver Recherche voraus, in der sie mit Fachleuten spricht, im Atelier Versuche macht und Oberflächen sowie Beschichtungen testet, bis sich das Materialverhalten in eine künstlerische Form übersetzen lässt.
Aus dieser prozessorientierten Herangehensweise entstehen häufig serielle Werkgruppen. Die Wiederholung dient Treiber nicht der Variation, sondern der Vertiefung. Indem sie sich wiederholt mit demselben Material oder einer bestimmten formalen Fragestellung beschäftigt, schärft sie ihr Verständnis für dessen Verhalten, Möglichkeiten und Grenzen.
Ihr Interesse richtet sich dabei auch auf Alltags- und Industriematerialien. Im Umgang mit ihnen entstehen für Treiber Fragen nach Wert und Wertigkeit, nach dem Verhältnis von Material und Bedeutung. So auch in der Werkreihe der Luminositen (2023 - fortlaufend), in denen sie bewusst mit billigem Polyester-Mischgewebe und Autolack arbeitet. Was als Wegwerfprodukt und Industriematerial beginnt, wird nach sorgfältiger Bearbeitung der Künstlerin zu Objekten mit glänzender Oberfläche. Der Prozess selbst wird zur Reflexion: Welchen Stellenwert nimmt ein Material in unserem Alltag ein? Wann wird ein Material wertvoll? Durch die investierte Arbeitszeit? Durch die Erklärung zum Kunstobjekt? Durch den Glanz, den wir mit Wert verbinden? Und wer legt es fest?
Als zentrales formales Motiv zieht sich die Falte durch Pia Treibers Werk. Sie gibt dem Material Form und Körper. In den Leinwandarbeiten öffnet sie die Fläche zum Raum hin und lässt Malerei skulptural werden. In ihren Keramiken wird die Falte zur Momentaufnahme, die Bewegung festhält. Das Material ist zunächst formbar, wird dann durch den Brennprozess starr und irreversibel. Treiber begreift die Falte als dynamisches Konzept, das Veränderung und Verknüpfung verkörpert. Sie bezieht sich dabei auf die Philosophie von Gilles Deleuze, für den die Falte in Anlehnung an Leibniz als kleinste Einheit der materiellen Welt gilt, die unaufhörlich Bewegung und Beziehung stiftet. Diese Vorstellung prägt Treibers künstlerische Praxis. Materialien werden nicht nur geformt, sondern in immer neue Zusammenhänge hineingefaltet. Prozesse des Wandels und der Bedeutungsverschiebung werden sichtbar.